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von Ferdinand Graziotto

– Ein paar Mal waren wir als Familie in Weimar, du warst aber auch ohne uns dort. Weshalb warst du sooft in dieser Stadt?

Worte werden „Fleisch“ an einem Ort (vgl. Johannes 1,14). Das gilt auch für die Worte Goethes. Während unseres diesjährigen Dolomitenaufenthaltes werden wir die „Gespräche mit Goethe“ von Johann Peter Ackermann miteinander bearbeiten: diese Gespräche sind ebendort in Weimar entstanden. In dieser Stadt spüre ich die „fleischliche“ Nähe der positiven Seinserfahrung Goethes: „das Negative ist Nichts. Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen?“ (Eckermann, 24.2.1825). Ich fühle mich dort in Verbindung mit diesem großen Meister des „Positiven“.
Wann warst du das erste Mal dort?

1993. Ich habe dort für Lehrerinnen, die in der DDR Russisch unterrichtet hatten und umgeschult werden sollten, einen vierwöchigen Italienischkurs gehalten. Jeden Morgen bin ich dann nach der Heilige Messe zum Gartenhaus von Goethe spaziert.
Hat sich seit dem viel verändert?

Auch im Jahr 1993, in dem noch an vielen Ecken und Enden die DDR-Zeit zu sehen, ja zu riechen war – ich meine den typischen Geruch von Kohlenheizungen, der sich für mich immer mit dieser Zeit verbindet – hatte man schon sehr viel Energie in eine Restaurierung des Stadtbildes gesteckt, aber heute ist die Stadt wirklich ein Juwel der Goethezeit. Zu DDR Zeiten wurde der Stadt ebenfalls einige Beachtung geschenkt und man pflegte sie, aber es hat dem sozialistischen Staat bekanntermaßen an Geld gefehlt, um eine gründliche Sanierung zu betreiben. Allerdings kann jemand, der in der DDR-Zeit dort gelebt hat, sicher besser als ich davon berichten.